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Experiment zur historischen Eisenerzeugung im Kultur-Schloss Theuern / Bergbau- und Industriemuseum Ostbayern


15. April 2021 | von Thomas Oberst

Bereits im März 2020 begann im Kultur-Schloss Theuern nahe Amberg ein Experiment zur historischen Eisenerzeugung unter der Aufsicht von Dr. Martin Schreiner, Leiter des Bergbau- und Industriemuseums Ostbayern, und in Kooperation mit dem Lehrstuhl für Alte Geschichte der Universität Regensburg.

Zum Einen war es Ziel des Experiments, historisch authentisches Schmiedematerial für weiterführende Versuchsreihen zu gewinnen, da sich die modernen Flussstähle in vielerlei Hinsicht gravierend von den alten Renneisenwerkstoffen unterscheiden. Mit dem erzeugten Material sollen dann aussagekräftige Schmiedeexperimente durchgeführt werden. Zum Anderen will man historische Eisengewinnungsverfahren neu verstehen. Zwar sind das Vorgehen und die chemischen Prozesse bei der Verhüttung in Rennfeuern und Rennöfen heute weitestgehend bekannt, jedoch sind keinerlei Informationen überliefert, wie man durch Feintuning beim Vorgang oder den Materialien das Ergebnis beeinflussen kann. Dieser Erfahrungsschatz soll nun durch möglichst viele authentische Verhüttungsexperimente erneut gesammelt werden, um eine solide Basis für weitere Forschungen zu schaffen.

Der Rennprozess war im europäischen Raum vom Anbruch der Eisenzeit im 8. Jahrhundert v. Chr. bis in das Spätmittelalter (ca. 1250 bis 1500 n. Chr.) die gängige Methode, um schmiedbares Eisen zu erhalten. Eine Variante zeichnet sich hierbei dadurch aus, dass ein Ofenschacht aus Lehm, Stroh und Zweigen über einer Grube errichtet und mit Holzkohle und Eisenerz befüllt wird. Nach dem Anfeuern des Rennofens wird mit Blasebälgen über Tondüsen Luft zugeführt, wodurch im Inneren Temperaturen von 1200 bis 1400 °C erreicht werden können. Holzkohle und Eisenerz müssen im Laufe der Ofenreise – der Prozess von der Anbrandphase bis zum Ende der Verhüttung – nachgeschichtet werden, damit nach mehreren Stunden im unteren Bereich des Ofens die schwammartige Luppe entsteht. Diese muss sofort nach der Bergung zunächst von der sie umgebenden Schlacke befreit werden. Beim Experiment von Dr. Martin Schreiner wurde auf diese Art aus 40 kg Eisenerz und 100 kg Holzkohle eine ca. 9 kg schwere Luppe gewonnen.

Aufgrund pandemiebedingter Pausen konnte das Experiment nicht wie geplant im Frühjahr 2020 komplett durchgeführt werden. Erst im Juli konnte es mit dem Ausbrennen des Ofens weitergehen und am 27. September die tatsächliche Verhüttung in kleiner Runde im Rahmen der etwa achtstündigen Ofenreise stattfinden. Die ca. 9 kg schwere Luppe wurde unmittelbar nach der Bergung über einem Holzblock von anhaftenden Schlackeresten befreit und primärverdichtet, um sie entsprechend für die in der Schmiedewerkstätte noch folgenden Aufwertungsverfahren vorzubereiten. Im Kontext des so genannten Ausheizens und Raffinierens wird nach der Schätzung von Dr. Martin Schreiner 2 bis 3 kg kompakter, gut formbarer Schmiedewerkstoff entstehen, was für das Verhüttungsexperiment in der Gesamtschau ein außerordentlich solides Ergebnis darstellt.

Parallel zum Experiment entstanden zwei Filme: Eine Dokumentation über Renneisen und ein Imagefilm zum Museum, die beide voraussichtlich im Sommer 2021 veröffentlicht werden. Zusätzlich soll eine Sonderausstellung zum Thema „Eisenerzeugung und -verarbeitung bei Kelten, Römern und Germanen“ mit der Hilfe von Studierenden der Universität Regensburg entstehen. Auch in Zukunft will Dr. Martin Schreiner die Kooperation mit dem Lehrstuhl für Alte Geschichte fortführen und das Museum als Zentrum für experimentalarchäologische Eisenforschung etablieren.

Fotos: © Bergbau- und Industriemuseum Ostbayern


Thomas Oberst, Jahrgang 1992, Student im Masterstudiengang  „Geschichte: Europäische Gesellschaften im Wandel“ an der Universität Regensburg unterstützt seit 8. März 2021 den Bereich Kommunikation & Marketing als Praktikant. Dabei berichtet er u. a. über aktuelle Forschungsprojekte am Institut für Geschichte.

Bisher in dieser Reihe erschienen: 

  1. Startseite

Kommunikation & Marketing

 

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