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Presse

Frankophone Migrationsliteratur

Im Spannungsfeld postkolonialer Reibungen - Aus der Ringvorlesung "Frictions and Transformations of Globalization"


9. Mai 2022

Migration ist Thema französischsprachiger Literatur und Thema im Leben der Autor:innen, die selbst Migrant:innen sind oder zwischen verschiedenen Kulturen zirkulieren. Nach Kolonialismus und Dekolonialisierung lässt frankophone Migrationsliteratur sich heute als transnational verstehen und steht im Kontext globalisierter Kulturen. Professor Jean-Marc Moura, ehemaliger Direktor der Abteilung für zeitgenössische Literatur an der Universität Paris Nanterre, stellte französischsprachige Autor:innen und ihr Werk in einem Vortrag an der Universität Regensburg am 2. Mai 2022 in den Kontext vielschichtiger Reibungsprozesse, die sich aus der historischen, politischen und kulturellen Beziehung Frankreichs und seiner früheren Kolonien entwickelten.

Jean-Marc Moura forscht aktuell für drei Monate an der Universität Regensburg und sprach im Rahmen einer internationalen Ringvorlesung im Sommersemester 2022, die Reibungen und Transformation der Globalisierung bearbeitet. Veranstaltet wird die Ringvorlesung vom Center for International and Transnational Area Studies (CITAS) an der Universität Regensburg und dem Leibniz ScienceCampus „Europe and America in the Modern World“. Professor Dr. Jochen Mecke, Institut für Romanistik, Sprecher des CITAS-Vorstands, begrüßte seinen französischen Kollegen im gut besuchten Hörsaal. Die Ringvorlesung, die für alle Interessierten offen ist, konzentriert sich auf drei miteinander verbundene Elemente, die für das Verständnis der Globalität in ihrer Vielfalt über mehrere Räume und im Laufe der Geschichte entscheidend sind: Umwelt, Migration und Arbeit. Die Vortragenden bieten bis Ende Juli jeden Montag interdisziplinäre Perspektiven, die vom Forschungsbereich Area Studies geprägt sind.

Jean-Marc Moura betrachtet Migrations- und Migrant:innenliteratur als transnationale Literaturen in einer globalisierten Welt, deren Inhalte ebenso wie ihre Entwicklung geprägt sind von Spannungen, die aus der Interaktion und den gegenseitigen Abhängigkeiten zwischen lokalem Dasein des einzelnen und den „großen“ politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen ergeben. Was sich literarisch einmal auf Frankreich konzentrierte und mit und in Paris zentralisierte, hat sich differenziert.

Literaturgeschichten im Sinne eines „French Global“ mussten neu geschrieben werden: Da sind die an Frankreich angrenzenden französischsprachigen Literaturen Belgiens und der Schweiz; die geographisch weiter entfernten Literaturen Louisianas, Akadiens, Québecs und der Karibik; nicht zuletzt die französischsprachige Literatur derer, denen das Französische überstülpt, gar aufgezwungen wurde: Maghreb, Libanon, Sub-Sahara-Afrika, Inseln im Indischen und Pazifischen Ozean.

Prof. Dr. Jean-Marc Moura (l.) und Prof. Dr. Jochen Mecke, Sprecher des CITAS-Vorstands. Foto: twa/UR

„Kreolisierung“ der Welt

Édouard Glissant, der 2011 in Paris verstorbene Dichter, Essayist und Romancier, ist für Jean-Marc Moura der literarische Einstieg in die gut besuchte Vorlesung: Glissant, auf Martinique geboren, von der oft dramatischen Natur der Karibik ebenso geprägt wie von einer nachwirkenden Kolonialgeschichte, spricht von Kreolisierung der Welt, die sich in und mit vermengenden Kulturen verändert. Glissant wehrt sich in seiner Literatur gegen Entmenschlichung und Unterdrückung, unterstützt Freiheitskampf, übt Kritik an Gesellschaft und Politik, setzt sich für die Aufarbeitung des internationalen Sklavenhandels ein. Im Anschluss skizziert der Wissenschaftler den Begriff der Frankophonie, spricht über frankophone Literatur und Autor:innen, schlägt den Bogen von der Kolonialzeit über die Dekolonialisierung bis ins globalisierte Jetzt.

Moura blickt auf das Jahr 1880, als der französische Geograf Onésime Reclus die kulturell diverse Erdbevölkerung nach Sprachen klassifizierte. Es waren die französischen Kolonien in Amerika und Indien, in Afrika, Asien und Ozeanien, die dafür sorgten, dass die französische Sprache sich in weiten Teilen der Welt verbreitete. Die zentrale Rolle Frankreichs blieb unangetastet, bis heute hat Frankreich aufgrund seiner Territorien und Gebiete in Übersee eine besondere Position.

In den 50er Jahren kam das französische Kolonialreich zu seinem Ende. Zentrales Jahr wird 1962, das Ende des Kriegs gegen Algerien. Französischsprachige Literatur entwickelt sich zunehmend in vielen Teilen der Welt, nun unabhängig von der französischen Nation. Neue, andere Akzente werden gesetzt: Moura nennt den Begriff der „Négritude“, ein Begriff der Dekolonialisierungsbewegung der 30er Jahre, den man dem der „Francité“, die assimilierende Integration beschrieb, entgegenstellte. „Exotik“ oder Exotismus sollte und konnte in der Literatur keine Kategorie mehr sein, es ging vielmehr um eine eigenständige, vielseitige, gleichberechtigte „schwarze“ Kultur als Gegenstand der Literatur, aber auch um die Aufarbeitung von Verbrechen der Kolonialzeit und die Übernahme von Verantwortung.

Vom Postkolonialisums zum Globalen

Die dritte Etappe, die Moura nennt, ist der Übergang vom Postkolonialismus zum Globalen: Literatur ist nach wie vor eine der wichtigsten Möglichkeiten, Identität auszudrücken, die Möglichkeit, sich zu artikulieren und in Diversität gehört zu werden. Moura empfiehlt Louis-Philippe Dalemberts „Mur Méditerranée“, die Geschichten dreier Frauen aus Syrien, Eritrea und Nigeria, die sich auf der Flucht aus ihren zerrütteten Heimaten auf einem Trawler nach Europa begegnen. Die französischsprachige Literatur und die Frankophonie sind in weiteren Veränderungen und Entwicklungen begriffen, dessen ist Moura sicher: Hochrechnungen besagten, dass 2050 etwa 400 Millionen Menschen weltweit französischsprachig sind, der Großteil davon in Afrika. In Frankreich selbst werde die Diskussion zum Erbe von Kolonialismus und Dekolonialisierung sich intensivieren, glaubt Moura: Ein beginnendes Thema sei, inwieweit weiße Literaturwissenschaftler:innen überhaput das Recht hätten, afrikanische Literatur zu analysieren.

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